Nikolaus-Ausgabe am 6. Dezember

Seit unserer Premiere im September 2017 verlor Angela Merkel erst die Bundestagswahl und dann die Jamaika-Koalition, blieb trotzdem Kanzlerin und kündigte den Rückzug vom CDU-Vorsitz an. Der FC Bayern München wurde Deutscher Meister und steht jetzt auf Platz 5. Und die Deutschen erlebten erst einen Sommer, der sich irgendwie gruselig anfühlte, und dann einen Herbst, der sich irgendwie wie Sommer anfühlte. Mit anderen Worten: Es ist viel Zeit vergangen. Perspektiven haben sich verschoben, der Keim für etwas Neues ist gesät. Das gilt auch für vollehalle.

Die Idee von einigen wenigen, eine Show auf die Beine zu stellen und damit auf Tour zu gehen, ist zu einem Vorhaben gereift, an dem sich inzwischen drei Handvoll Leute beteiligen. Unser Plan ist, vollehalle zu etwas auszubauen, das nicht nur die Lust am Klimawandelwandel so in die Gesellschaft trägt, dass Veränderung möglich wird. Sie soll auch zu einer Sache werden, an der man sich mit Spaß beteiligen möchte, weil die Nachbarin, der Kollege und die Freundin auch schon mitmachen. Unser Ziel ist, die Ohnmacht aufzulösen, die wir alle gegenüber dem Klimawandel spüren, und in produktive Energie zu verwandeln. Wir gründen eine NGO mit Online-Plattform und einem BotschafterInnen für eine bessere
 Welt-Programm.

Um dieses Vorhaben vorzustellen, laden wir am 6. Dezember zu einer Nikolaus-Ausgabe an. Mit den Ideen derer, die zeigen, dass ein Engagement gegen den Klimawandel möglich ist, indem man zugleich das eigene Leben glücklicher und besser macht. Mit einem Alien, der hinter der wilden Treibhausgas-Party auf diesem Planeten einen größeren Plan vermutet. Und mit dem fröhlichen CO2beiner Karl-Heinz Kartöngle.

Ort: Panorama 3000, Kreuzbergstr. 28
Beginn: 19 Uhr 30

vollehalle in Velbert: „Im Grunde sind wir selbst Suchende.“

Ein umgebauter Aldi in einer Kleinstadt in der Nähe von Wuppertal, etwa 50 Zuschauerinnen und Zuschauer – und das Spannendste passierte nicht während unserer Show, sondern bei der Diskussion danach. Anfang Oktober waren wir zu Gast in Velbert, wo bereits Anfang der 90er-Jahre ein paar zupackende Frauen und Männer nicht länger mitansehen wollten, wie das ehemalige Zuhause eines Discounters einfach nutzlos in der Gegend herumsteht. Also gründeten sie den Verein „Kunsthaus Langenberg e.V.“ – Langenberg ist ein Stadtteil von Velbert – und geben seitdem Musikern, Kabarettisten und Autoren ihre Bühne mit dem schönen Namen ALLDIEKUNST. Und danach stehen alle an der Bar im Eingangsbereich und stoßen an auf einen schönen Abend. An diese Bar wollten wir es natürlich auch schaffen.

Wir sind mit einer Version von vollehalle aufgetreten, an der wir den Sommer über gearbeitet und die wir ein paar Wochen vorher in Düsseldorf aufgeführt hatten: Wir wollen uns damit gleichermaßen den Spiegel vorhalten, der uns mit den Folgen des westlichen Lebensstils konfrontiert, wie Lust machen auf den Wandel, indem wir Menschen wie Bill McKibben und Mona Freundt von Fossil Free, die Permakultur-Enthusiastin Susanne Walter, den Atmosfair-Gründer Dietrich Brockhagen und den Mobilitäsforscher und Soziologen Andreas Knie präsentieren.

Die Botschaft, die wir im Sinn hatten: Der Klimawandel ist nur vordergründig eine Frage von Natur- und Umweltschutz. Tatsächlich geht es um die Frage, ob wir auf der Seite derer stehen wollen, die weiter glauben, dass nie endendes Wirtschaftswachstum mit all seinen Begleiterscheinungen zu unserem Leben gehören muss wie der Kater zur Silvesterparty? Oder ob wir uns lieber auf der Seite derer einfinden wollen, die überzeugt sind, dass, um im Bild zu bleiben, eine Feier ohne Kopfschmerzen auf den ersten Blick undenkbar scheinen mag, aber nicht unmöglich ist? Oder kürzer formuliert: Sind uns der Klimawandel und unsere Verantwortung so wichtig, dass wir bereit sind, dafür unser Leben zu ändern: Gewohnheiten umstellen, uns mit anderen zusammenschließen und nach außen sichtbar für eine andere Welt einstehen?

Die Diskussion, die sich an unser knapp eineinhalbstündiges Programm anschloss, offenbarte, dass es auf diese Fragen so viele Antworten und Ansichten gibt, dass ein Abend dafür nicht ausreicht. Ist es naiv, darauf zu hoffen, dass die Menschen weniger Auto fahren und Fleisch essen werden? Können Technologie und Digitalisierung es leisten? Kann uns eine CO2-Steuer retten? Was müsste passieren, damit sie kommt? Was ist mit den Arbeitsplätzen? Und was nützt es, wenn die Deutschen ihre SUVs in der Garage lassen, von denen sie offenbar nicht Finger und Füße lassen wollen, solange Menschen in anderen Ländern nicht weniger Auto fahren?

„Im Grunde sind wir selbst Suchende.“ So beginnt ein Artikel, der ein paar Tage später in der WAZ erschien. Das Zitat stammte aus der Diskussion und illustriert, dass wir vollehalle nicht machen, weil wir glauben, dass wir auf alle Herausforderungen bereits die passenden Lösungen gefunden haben. Sondern, weil wir neue Fragen stellen und gemeinsam mit unserem Publikum um die richtigen Antworten ringen wollen. Am Schluss landeten wir dann tatsächlich an der Bar und sprachen bei Bierkonsum über Fleischkonsum – so wie wir uns das ausgemalt hatten.

Uns hat der Auftritt großen Spaß gemacht, gerade wegen der kontroversen Diskussion im Anschluss. Umso mehr freuen wir uns jetzt auf die kommenden Auftritte, die bereits festgelegt bzw. in Planung sind. Am 30. Oktober präsentieren wir vollehalle in privatem Rahmen, am 9. November bei den Kaffeeschwestern in Tempelhof.

vollehalle – Update

Wenn ein Autokonzern einen Prototypen auf die Straße schickt, hofft er, dass ihn dabei möglichst niemand erwischt. Das Auto, das keiner sehen soll, nennt man Erlkönig, angelehnt an den Vater, der bei Goethe in wilder Hatz durch die düstere Nacht reitet (das Beitragsfoto zeigt den „Erlkönig“, ein Gemälde von Moritz von Schwind, 1804 – 1871). Als wir am 22.9. unseren vollehalle-Prototypen auf die Bühne geschickt haben, wollten wir, dass den Prototypen so viele wie möglich zu Gesicht bekommen. Und so arbeiten wir mit großem Einsatz daran, aus der Show, die jeder sehen soll, nun ein serienfähiges Produkt zu machen, das durch Deutschland rollen kann.

Denn die Idee unserer Show war von Beginn an, dass wir damit auf Tour gehen. Wir wollen mit unserer Show viele Menschen erreichen. Vor allem gerade diejenigen, die bislang wenig mit der Idee anfangen konnten, dass die Beschäftigung mit ökologischer und sozialer Gerechtigkeit etwas ist, das das Leben besser machen kann.

Vielleicht auch, weil manche bislang das Gefühl hatten, nicht gemeint zu sein, wenn es um die Verantwortung ging, die mit unserem Wohlstand und unserem Lebensstil einher gehen. Viele Menschen in Deutschland leben mit dem Gefühl, dass sie am Wohlstand nicht mehr teilhaben. Warum sollten sie sich darüber Gedanken machen, etwas davon an Menschen in fremden Ländern abzugeben, die schon heute von den Folgen unseres Wohlstands, unseres Lebensstils oder unserer Handelspolitik direkt betroffen sind? Man kann ja auch niemanden ernsthaft bitten, die Wäsche reinzuholen, weil sie die Fenster anderer Mieter verdunkelt, wenn acht Stockwerke darüber die Penthouse-Markise die Sonne verdeckt. Vielmehr: Man kann schon, man braucht nur nicht darauf zu hoffen, dass die Angesprochenen verständnisvoll reagieren.

Gerade deshalb brauchen wir einen anderen Diskurs über solche Fragen und vollehalle will dazu einen Beitrag leisten. Wir haben uns vorgenommen, den Prototypen im Laufe der kommenden Legislaturperiode so ins Laufen zu bekommen, dass wir damit regelmäßig in Deutschland auftreten. Dazu braucht es einerseits eine kontinuierliche Weiterentwicklung des Prototypen und andererseits Menschen, die uns dabei helfen, vollehalle auf die Bühne zu bringen und die Arbeit daran zu fördern.

Beides treiben wir gerade voran. Wir sprechen mit den Einen über ihre Kritik an der ersten Ausgabe und machen uns Gedanken darüber, wie wir sie in unser Konzept integrieren können. Und wir treffen die Anderen, die Kontakte haben zu Stiftungen und anderen möglichen Förderern. Uns ist bewusst, dass es noch eine Weile dauern kann, bis das nächste Mal das Licht ausgeht und die vollehalle-Eingangsmelodie startet.

Wir sind zwar ungeduldig, weil wir am liebsten gleich in der Woche nach dem Prototypen auf neuen Bühnen weitergemacht hätten. Aber wir bleiben gleichzeitig gelassen. Denn unser Erlkönig hat eine vielversprechende erste Fahrt absolviert, und deshalb sind wir überzeugt, dass er als überarbeitetes Serienmodell erst so richtig seine Wirkung entfalten wird.

Von einem Häuschen im Grünen zu vollehalle

In diesem kleinen Häuschen hat im April alles angefangen und in diesem kleinen Häuschen ist in den vergangenen vier Tagen eine Keynote-Datei mit knapp 140 Einzelseiten und 2 Gigabyte entstanden.

Als Martin und ich uns hier am Wochenende vor Ostern einschlossen, fragten wir uns: Eine Bühnenshow mit politischen Inhalten – wie kriegt man die so hin, dass daraus keine Aneinanderreihung von Statements und Klagemauersteinen wird? Wie können wir unsere Wut und unser Unverständnis so verpacken, dass es Spaß macht, dabei zuzuhören? Darüber, dass wir uns ständig nur von Scheinlösung zu Scheinlösung retten, dass wir die Probleme, die sich uns stellen, einfach so weit aus unserem Sichtfeld schieben, bis wir sie hübsch vergessen können,  und darüber, dass wir uns in der Illusion wiegen, es sei schon alles irgendwie in Ordnung, weswegen wir uns auch keine großen Gedanken um unseren Lebensstil, unsere Verantwortung und unser eigenes Engagement machen müssen. Klimawandel, Flüchtlingsströme, Angstmacher von rechts – wir können doch nicht länger so tun, als gehe uns das alles nichts an, abseits von hochengagiert geteilten Facebook-Postings. Und zuletzt: Wie machen wir das eigentlich – eine eigene Show organisieren, von der wir im Vorhinein niemandem recht erklären können, was wir vorhaben, weil wir davon ja selbst noch keine präzise Vorstellung haben?

Aus dem Häuschen im Grünen bei Braunschweig reisten wir damals ab mit drei einigermaßen konkreten Ideen: „Bestandsaufnahme 2017: Was sind die wirklichen Aufgaben und Herausforderungen für eine neue Bundesregierung?“ Oder: „Große Reportagen: Wir bemühen uns, bis zur Veranstaltung wirklich große exklusive und auch bildlastige Geschichten zusammenzustellen, die einen Blick auf die Welt erlauben, wie man ihn sonst nicht bekommt.“ Oder: „Die großen Fragen: Anstatt uns mit Tagesgeschäft und kleinen politischen Ideen zu befassen, reden wir über fundamentale Fragen unserer Zeit und richten den Blick auf die Überlegungen strategischer Denker: zu unserem Wirtschaftssystem, zu Ökologie, Fairness oder Gerechtigkeit. Wo liegen die grundsätzlichen Übel verborgen, was können wir gegen sie tun?“

Heute können wir sagen: Die Premiere von vollehalle ist eine Mischung aus allen drei Ansätzen geworden. Wir werden Filme und Clips mit unseren GesprächspartnerInnen zeigen, die illustrieren, wo und warum es uns nicht gelingt, die wirklich wichtigen Debatten zu führen. Wir werden Texte und Bilder auf die Bühne bringen, die uns in Weltregionen führen, in denen sich Menschen entschieden haben, sich nicht länger Raubbau zu betreiben an den Grundlagen ihres eigenen Lebens. Wir wollen wissen: Taugen ihre Gesellschaftsentwürfe als Vorbild für unser Leben hier? Wir werden auf der Leinwand Menschen zu Wort kommen lassen, die auf ihren Feldern – und das ist zum Teil sogar wörtlich zu nehmen – über die destruktiven Kräfte in unserer Wirtschaft oder über die Notwendigkeit nachgedacht haben, die Demokratie wieder von unten, aus der Mitte der Gesellschaft heraus gedeihen zu lassen. Und wir werden dank der Einsichten, die sie gewonnen haben, unser Publikum zu neuen, überraschenden und inspirierenden Antworten auf die Fragen unserer Zeit mitnehmen.

Schon jetzt ist vollehalle für uns und alle Beteiligten – wir sind ja längst nicht mehr nur zu zweit – ein großes Abenteuer. Inzwischen sind knapp 160 Tickets verkauft, 40 Plätze sind noch zu vergeben (hopp, hopp). Zum ersten Mal in unserer Berufsbiographie können wir jetzt direkt mit und zu Menschen sprechen über unsere Vorstellung davon, wie wir als Gesellschaft auf das reagieren müssen, was sich gerade vor unser aller Augen abspielt. Und jetzt sind wir gespannt, wie die darauf reagieren werden.

In einem erschütternden Artikel hat David Wallace-Wels, Redakteur des New York Magazine, neulich die Ergebnisse seiner Gespräche mit zahlreichen Klimaforschern zusammengetragen. Eine seiner Erkenntnisse: „Selbst wenn man einsieht, dass wir die natürliche Welt bereits unwiederbringlich verwüstet haben, ist es noch einmal etwas anderes, dass wir das Ganze nur provoziert haben, indem wir zunächst aus Unwissenheit und dann, weil wir es nicht wahrhaben wollten, ein Klimasystem geschaffen haben, das jetzt für viele Jahrhunderte gegen uns in den Krieg ziehen wird, um uns am Ende vielleicht zu vernichten.“

Klimaforscher haben errechnet: Es bleiben uns noch zwanzig, vielleicht 30 Jahre, um die schlimmsten Auswüchse dieses Krieges zu verhindern. vollehalle ist einerseits ein flammender Appell dafür, die Situation so ernst zu nehmen, wie es ihr gebührt. Und andererseits ein Plädoyer dafür, zu erkennen, dass wir die große Chance haben, dadurch sogar zu einem glücklicheren Leben zu finden. Heute in einer Woche werden wir zum ersten Mal beweisen, dass das kein Widerspruch sein muss. Und danach, so hoffen wir, seit wir im April das Häuschen hinter uns zugesperrt haben, noch viele weitere Male.