vollehalle in Velbert: „Im Grunde sind wir selbst Suchende.“

Ein umgebauter Aldi in einer Kleinstadt in der Nähe von Wuppertal, etwa 50 Zuschauerinnen und Zuschauer – und das Spannendste passierte nicht während unserer Show, sondern bei der Diskussion danach. Anfang Oktober waren wir zu Gast in Velbert, wo bereits Anfang der 90er-Jahre ein paar zupackende Frauen und Männer nicht länger mitansehen wollten, wie das ehemalige Zuhause eines Discounters einfach nutzlos in der Gegend herumsteht. Also gründeten sie den Verein „Kunsthaus Langenberg e.V.“ – Langenberg ist ein Stadtteil von Velbert – und geben seitdem Musikern, Kabarettisten und Autoren ihre Bühne mit dem schönen Namen ALLDIEKUNST. Und danach stehen alle an der Bar im Eingangsbereich und stoßen an auf einen schönen Abend. An diese Bar wollten wir es natürlich auch schaffen.

Wir sind mit einer Version von vollehalle aufgetreten, an der wir den Sommer über gearbeitet und die wir ein paar Wochen vorher in Düsseldorf aufgeführt hatten: Wir wollen uns damit gleichermaßen den Spiegel vorhalten, der uns mit den Folgen des westlichen Lebensstils konfrontiert, wie Lust machen auf den Wandel, indem wir Menschen wie Bill McKibben und Mona Freundt von Fossil Free, die Permakultur-Enthusiastin Susanne Walter, den Atmosfair-Gründer Dietrich Brockhagen und den Mobilitäsforscher und Soziologen Andreas Knie präsentieren.

Die Botschaft, die wir im Sinn hatten: Der Klimawandel ist nur vordergründig eine Frage von Natur- und Umweltschutz. Tatsächlich geht es um die Frage, ob wir auf der Seite derer stehen wollen, die weiter glauben, dass nie endendes Wirtschaftswachstum mit all seinen Begleiterscheinungen zu unserem Leben gehören muss wie der Kater zur Silvesterparty? Oder ob wir uns lieber auf der Seite derer einfinden wollen, die überzeugt sind, dass, um im Bild zu bleiben, eine Feier ohne Kopfschmerzen auf den ersten Blick undenkbar scheinen mag, aber nicht unmöglich ist? Oder kürzer formuliert: Sind uns der Klimawandel und unsere Verantwortung so wichtig, dass wir bereit sind, dafür unser Leben zu ändern: Gewohnheiten umstellen, uns mit anderen zusammenschließen und nach außen sichtbar für eine andere Welt einstehen?

Die Diskussion, die sich an unser knapp eineinhalbstündiges Programm anschloss, offenbarte, dass es auf diese Fragen so viele Antworten und Ansichten gibt, dass ein Abend dafür nicht ausreicht. Ist es naiv, darauf zu hoffen, dass die Menschen weniger Auto fahren und Fleisch essen werden? Können Technologie und Digitalisierung es leisten? Kann uns eine CO2-Steuer retten? Was müsste passieren, damit sie kommt? Was ist mit den Arbeitsplätzen? Und was nützt es, wenn die Deutschen ihre SUVs in der Garage lassen, von denen sie offenbar nicht Finger und Füße lassen wollen, solange Menschen in anderen Ländern nicht weniger Auto fahren?

„Im Grunde sind wir selbst Suchende.“ So beginnt ein Artikel, der ein paar Tage später in der WAZ erschien. Das Zitat stammte aus der Diskussion und illustriert, dass wir vollehalle nicht machen, weil wir glauben, dass wir auf alle Herausforderungen bereits die passenden Lösungen gefunden haben. Sondern, weil wir neue Fragen stellen und gemeinsam mit unserem Publikum um die richtigen Antworten ringen wollen. Am Schluss landeten wir dann tatsächlich an der Bar und sprachen bei Bierkonsum über Fleischkonsum – so wie wir uns das ausgemalt hatten.

Uns hat der Auftritt großen Spaß gemacht, gerade wegen der kontroversen Diskussion im Anschluss. Umso mehr freuen wir uns jetzt auf die kommenden Auftritte, die bereits festgelegt bzw. in Planung sind. Am 30. Oktober präsentieren wir vollehalle in privatem Rahmen, am 9. November bei den Kaffeeschwestern in Tempelhof.