Tim Jackson: Wachstum vs. Wohlstand?

Bei vollehalle unter anderem dabei: der britische Volkswirt und Autor Tim Jackson. Er hat im Jahr 2009 einen Bericht für die damalige britische Regierung erarbeitet, der zu dem Schluss kam, dass Wohlstand künftig nicht mehr über wirtschaftliches Wachstum definiert werden sollte, sondern anders aussehen muss. Seine Auftraggeber waren davon weniger begeistert und wollten den Bericht in der Schublade verschwinden lassen. Aber dann wurde ein Buch daraus und ein internationaler Bestseller: „Wohlstand ohne Wachstum“. Im letzten Jahr hat Jackson das Buch in einer komplett überarbeiteten zweiten Fassung herausgebracht, die manche Kritikpunkte adressiert, viele Zahlen aktualisiert, und sich noch deutlich mehr Gedanken über die Konsequenzen für uns macht.

Vor wenigen Wochen kam die neue Auflage in der deutschen Fassung auf den Markt. Als Jackson das Buch in Berlin vorgestellt hat, erhielten wir – dankenswerter Weise vermittelt über die Böll-Stiftung – die Gelegenheit, ihn zu interviewen. Ein großartiges Erlebnis, der Mann ist ungeheuer eloquent und spricht über die großen Fragen unserer Wirtschaftsordnung in einer zugleich klaren wie fast schon poetischen Sprache.

Natürlich haben wir mit ihm über den Zusammenhang zwischen Wohlstand und Wachstum gesprochen. Denn wir kennen ja jahrzehntelang keine andere Botschaft als die, dass es uns nur dank Wirtschaftswachstum besser gehen kann. Dass wir es brauchen, weil wir uns nach der Gehaltserhöhung nun auch die Fernreise oder das SUV leisten können. Wenn es aber, wie er sagt, nicht mehr Wachstum ist – was ist Wohlstand dann? Tim Jackson:

„Was ist Wohlstand dann? Es ist eine Frage, die uns durch die gesamte Menschheitsgeschichte verfolgt. Es ist die grundlegendste Frage, die wir immer und immer wieder stellen. Die Frage, auf die wir keine vereinfachende oder dumme Antwort akzeptieren. Als ich begann, mich mit dem Thema Wohlstand zu beschäftigen, schrieb mir zu meiner Überraschung der Leiter eines Hospiz. Ich hatte keine Post von jemandem erwartet, dessen Aufgabe darin besteht, Menschen in seine Obhut aufzunehmen, die sich auf den Tod vorbereiten. Die sich mit ihrer eigenen Sterblichkeit abfinden müssen. „Was ist Wohlstand?“ war die Frage, die auch und gerade jene Menschen beantworten mussten. Und dieser Hospizleiter sagte mir, dass es nichts in unserer Konsumgesellschaft, nichts in unserer materialistischen Welt, nichts in unserem endlosen Streben nach Wachstum gab, das die Menschen in diesen Umständen auf diese Frage vorbereitet hatte. Was ist Wohlstand?

Und es ist eine persönliche Frage, eine, die wir alle stellen müssen. Es ist eine Frage, bei der wir uns nie mit einer vereinfachenden Lösung zufrieden geben sollten. Wir müssen erkennen, dass es eine umfassende Idee ist. Es geht dabei sicherlich nicht nur um Geld, es geht um die Gesundheit unserer Familien, um unser eigenes Wohlbefinden, um unsere Bestimmung und um Sinn. Es geht darum, an der Gesellschaft aktiv mitwirken zu können. Und letzten Endes geht es dabei um die großen Fragen dazu, was wir eigentlich hier tun, warum wir hier sind und was wir zu der Gesellschaft, in der wir leben, beitragen. Und alle diese Beiträge sind unterschiedlich. Manche bestehen darin, Dinge herzustellen, Dinge zu kaufen. Aber es gibt auch jene Beiträge, die versuchen, Sinn in der unerklärlichen Herausforderung zu finden, dass wir sterbliche Wesen auf einer endlichen Welt sind. Und das ist der Startpunkt – nicht für ein eingeengtes Leben, nicht für ein schwieriges Leben – sondern für ein Leben voll neugieriger Suche, voller Herausforderung, voller Erfüllung. Grenzen bedeuten letzten Endes keine Einengung, sie sind Einladung zur Fülle, zur Erfüllung. Zum Sinn.

Wohlstand dreht sich um den Sinn.“

Ein längeres Gespräch mit Tim Jackson kann man bei unserer Show vollehalle am 22.9. in Berlin erleben.

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