Von einem Häuschen im Grünen zu vollehalle

In diesem kleinen Häuschen hat im April alles angefangen und in diesem kleinen Häuschen ist in den vergangenen vier Tagen eine Keynote-Datei mit knapp 140 Einzelseiten und 2 Gigabyte entstanden.

Als Martin und ich uns hier am Wochenende vor Ostern einschlossen, fragten wir uns: Eine Bühnenshow mit politischen Inhalten – wie kriegt man die so hin, dass daraus keine Aneinanderreihung von Statements und Klagemauersteinen wird? Wie können wir unsere Wut und unser Unverständnis so verpacken, dass es Spaß macht, dabei zuzuhören? Darüber, dass wir uns ständig nur von Scheinlösung zu Scheinlösung retten, dass wir die Probleme, die sich uns stellen, einfach so weit aus unserem Sichtfeld schieben, bis wir sie hübsch vergessen können,  und darüber, dass wir uns in der Illusion wiegen, es sei schon alles irgendwie in Ordnung, weswegen wir uns auch keine großen Gedanken um unseren Lebensstil, unsere Verantwortung und unser eigenes Engagement machen müssen. Klimawandel, Flüchtlingsströme, Angstmacher von rechts – wir können doch nicht länger so tun, als gehe uns das alles nichts an, abseits von hochengagiert geteilten Facebook-Postings. Und zuletzt: Wie machen wir das eigentlich – eine eigene Show organisieren, von der wir im Vorhinein niemandem recht erklären können, was wir vorhaben, weil wir davon ja selbst noch keine präzise Vorstellung haben?

Aus dem Häuschen im Grünen bei Braunschweig reisten wir damals ab mit drei einigermaßen konkreten Ideen: „Bestandsaufnahme 2017: Was sind die wirklichen Aufgaben und Herausforderungen für eine neue Bundesregierung?“ Oder: „Große Reportagen: Wir bemühen uns, bis zur Veranstaltung wirklich große exklusive und auch bildlastige Geschichten zusammenzustellen, die einen Blick auf die Welt erlauben, wie man ihn sonst nicht bekommt.“ Oder: „Die großen Fragen: Anstatt uns mit Tagesgeschäft und kleinen politischen Ideen zu befassen, reden wir über fundamentale Fragen unserer Zeit und richten den Blick auf die Überlegungen strategischer Denker: zu unserem Wirtschaftssystem, zu Ökologie, Fairness oder Gerechtigkeit. Wo liegen die grundsätzlichen Übel verborgen, was können wir gegen sie tun?“

Heute können wir sagen: Die Premiere von vollehalle ist eine Mischung aus allen drei Ansätzen geworden. Wir werden Filme und Clips mit unseren GesprächspartnerInnen zeigen, die illustrieren, wo und warum es uns nicht gelingt, die wirklich wichtigen Debatten zu führen. Wir werden Texte und Bilder auf die Bühne bringen, die uns in Weltregionen führen, in denen sich Menschen entschieden haben, sich nicht länger Raubbau zu betreiben an den Grundlagen ihres eigenen Lebens. Wir wollen wissen: Taugen ihre Gesellschaftsentwürfe als Vorbild für unser Leben hier? Wir werden auf der Leinwand Menschen zu Wort kommen lassen, die auf ihren Feldern – und das ist zum Teil sogar wörtlich zu nehmen – über die destruktiven Kräfte in unserer Wirtschaft oder über die Notwendigkeit nachgedacht haben, die Demokratie wieder von unten, aus der Mitte der Gesellschaft heraus gedeihen zu lassen. Und wir werden dank der Einsichten, die sie gewonnen haben, unser Publikum zu neuen, überraschenden und inspirierenden Antworten auf die Fragen unserer Zeit mitnehmen.

Schon jetzt ist vollehalle für uns und alle Beteiligten – wir sind ja längst nicht mehr nur zu zweit – ein großes Abenteuer. Inzwischen sind knapp 160 Tickets verkauft, 40 Plätze sind noch zu vergeben (hopp, hopp). Zum ersten Mal in unserer Berufsbiographie können wir jetzt direkt mit und zu Menschen sprechen über unsere Vorstellung davon, wie wir als Gesellschaft auf das reagieren müssen, was sich gerade vor unser aller Augen abspielt. Und jetzt sind wir gespannt, wie die darauf reagieren werden.

In einem erschütternden Artikel hat David Wallace-Wels, Redakteur des New York Magazine, neulich die Ergebnisse seiner Gespräche mit zahlreichen Klimaforschern zusammengetragen. Eine seiner Erkenntnisse: „Selbst wenn man einsieht, dass wir die natürliche Welt bereits unwiederbringlich verwüstet haben, ist es noch einmal etwas anderes, dass wir das Ganze nur provoziert haben, indem wir zunächst aus Unwissenheit und dann, weil wir es nicht wahrhaben wollten, ein Klimasystem geschaffen haben, das jetzt für viele Jahrhunderte gegen uns in den Krieg ziehen wird, um uns am Ende vielleicht zu vernichten.“

Klimaforscher haben errechnet: Es bleiben uns noch zwanzig, vielleicht 30 Jahre, um die schlimmsten Auswüchse dieses Krieges zu verhindern. vollehalle ist einerseits ein flammender Appell dafür, die Situation so ernst zu nehmen, wie es ihr gebührt. Und andererseits ein Plädoyer dafür, zu erkennen, dass wir die große Chance haben, dadurch sogar zu einem glücklicheren Leben zu finden. Heute in einer Woche werden wir zum ersten Mal beweisen, dass das kein Widerspruch sein muss. Und danach, so hoffen wir, seit wir im April das Häuschen hinter uns zugesperrt haben, noch viele weitere Male.

Eine Antwort auf „Von einem Häuschen im Grünen zu vollehalle“

  1. Hallo

    das klingt wie eine tolle Sache. Achtet nur darauf, dass es klare Handlungsanweisungen gibt, denn bei allen Aufrufen, aller „awareness“ fehlt es doch am echten Wandel.

    ToiToiToi

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